Kinderschule Oberhavel

Hospitation am 13. September 2019, Titelbild: Ein Schüler führt uns durch den Schulgarten.

Verfasser des Artikels: Elias Kühn
Fotos: Benedikt Hagenender & Elias Kühn

Inhalt

Steckbrief

  • Adresse: Deutschland, Am Roggenfeld 9/11, 16767 Leegebruch
  • Interview mit den beiden Direktorinnen: Anikke Knackstedt und Andrea Mischke
  • Schultyp:
    • Grundschule
    • 1. – 6. Schulstufe
    • Privatschule
    • ca. 50 Schüler und Schülerinnen
    • Zwei Lerngruppen
      • 1. bis 3. Lernjahr = Lerngruppe 1
      • 4. bis 6. Lernjahr = Lerngruppe 2

Nach oben.

Was macht die Schule besonders?

Celestin Freinet heißt der um 1900 wirksame Reformpädagoge aus Frankreich, der Begründer der Freinet-Pädagogik ist. Ziel dieses Konzept ist eine freie, individuelle und mündige Persönlichkeitsentwicklung. Darin enthalten ist ein Bildungserwerb, der sich darüber definiert, sich selbst zu organisieren und möglichst viele Entscheidungen selbst zu treffen. Über Klassenräte und tägliche Sitzkreise reguliert sich das System „Klasse“ möglichst selbstgesteuert. Die Rolle der Lehrperson verschiebt sich daher in eine passive Lernbegleiter*Innenrolle. Die Kinderschule Oberhavel arbeitet mit diesem Konzept. Daraus ergaben sich folgende besondere Beobachtungen: Wir wurden von zwei Kindern durch die Schule geführt, ohne Aufsicht einer Lehrperson, wodurch Vertrauen in die Kinder, erste Führungsqualitäten und soziale Kompetenzen beobachtbar waren. Die beiden Mädchen konnten uns auch schon selbstsicher einige wichtige Fragen zum Schulkonzept beantworten.

Die Schule von außen.

Kinder trauen sich offen und ehrlich ihre Meinung zu sagen, da Lernen mit den Kindern gemeinsam auf Augenhöhe stattfindet und kein autoritäres, hierarchisches System Druck auf sie ausübt. Schüler und Schülerinnen übernehmen in der Klasse verschiedenste Verantwortungen. Ein Beispiel war zum Beispiel, dass Schüler und Schülerinnen den Morgenkreis leiteten.
Bei der wöchentlichen Dichterlesung kommt die gesamte Schule in einer Räumlichkeit zusammen und alle Kinder, die wollen, präsentieren einen Beitrag, den sie selbst auswählten. 2 Kinder leiteten auch hier durch die verschiedenen Beiträge und sorgten für Ruhe, wenn es im Raum lauter wurde. Eine kritische Anmerkung diesbezüglich befindet sich in meinem persönlichen Kommentar.

Die Schule hat einige besondere Räumlichkeiten zu bieten. Besonders war der frei zugängliche, immer für Kinder offenstehende Musikraum. Ein Toberaum, ein Druckatelier und ein Turn- & Theaterraum mit einer Bühne. Die Klassenräume waren insofern besonders, da die Tische nicht auf eine Tafel frontal ausgerichtet sind, sondern unter anderem in Tischgruppen, alleinstehend, oder an die Wand gerichtet organisiert sind. Daraus lässt sich der Rückschluss ziehen, dass es in dieser Schule keinen Frontalunterricht gibt, in dem die gesamte Klasse zur selben Zeit, am selben Ort, die gleichen Aufgaben und Ziele erfüllen müssen. Das würde dem Lernbegriff der Freinetpädagogik widersprechen.

Wenn ein Kind über längere Zeit auffallend schnell, oder auffallend langsam lernt, gibt es die Möglichkeit, die üblicherweise sechs Bildungsjahre, in fünf oder sieben Jahren zu erledigen, ohne den Lerninhalt wirklich wiederholen oder überspringen zu müssen. Dem Kind wird die Möglichkeit gegeben, an dem Lernstand weiterzumachen, wo es gerade steht. Das ist durch das individuelle Lerngeschehen möglich.
In einem Lerntagebuch wird den Kindern anhand eines Plans aufgezeigt, welche Ziele über das Jahr erreicht werden sollten. Auf diesem Plan können die Kinder selbst eintragen und dokumentieren, wie weit sie in den einzelnen Bereichen sind. Zusätzlich dokumentieren die Kinder hier täglich, was an dem Tag passiert/erledigt wurde. Der Hintergrundgedanke ist, den Lernenden auch eine Übersicht der zu bearbeiteten Bereiche zu geben, sich organisieren zu lernen und den Lernfortschritt aktiv beobachten zu können.

Uns wurde erklärt, dass die Schule immer wieder noch freier, sprich ohne Plänen und Vorgaben geführt wurde. Hier kam es aber immer wieder zu den Rückmeldungen der Absolvent*Innen, dass sie es für gut empfunden hätten, wenn sie gewisse Bereiche vorgegeben bekommen hätten. Diese Rückmeldungen wurden angenommen und umgesetzt. In einem Gespräch haben wir erfahren, dass es für die Schule immer wieder schwierig ist, den Spagat zwischen freiem Lernen, freier Entwicklung und dem Druck des weiterführenden Schulsystems gerecht zu werden. Die Beobachtung und Frage, die hier dahinter steht, ist folgende: Sobald es Vorgaben, sprich Pläne gibt, wird der Arbeitsprozess der Kinder zunehmend zu einem Abarbeiten der Aufgaben. Gibt man entsprechende Freiheiten, beschäftigen sich Kinder zunehmend in die Tiefe gehend und aus eigener Motivation mit einem Thema. Diese Schule durchläuft immer wieder unterschiedliche Phasen, in denen die beiden Seiten des angesprochenen Spagats pendelartig abwechseln. Derzeit befinden sie sich laut einer Lehrperson in einer Phase, die mit konkreteren Vorgaben arbeitet. Zwei von uns hatten das Gefühl, dass sich die Lehrerin fast dafür rechtfertigen wollte, dass es diese Pläne und Erwartungen an die Kinder gibt.

Neben dem Konzept und den beschriebenen Punkten ist auch besonders, dass die Schule einen verhältnismäßig großen Schulgarten besitzt, der sich in zwei Bereiche teilt. Ein Teil dient als Spielplatz, Fuß- & Basketballplatz mit Sandkiste etc. Der andere Teil wird zum Gärtnern verwendet, wo die Lernenden selbst Gemüse und Obst pflanzen, beziehungsweise ernten können. In diesem Bereich des Gartens befinden sich auch Bienenstöcke, an denen sich Kinder freiwillig als Imker ausprobieren können. Die Schule hat zudem zwei Therapiehunde, die besonders für Kinder, die sich schwer tun, Beziehungen aufzubauen, da sind und Sicherheit geben sollen. Besonders ist auch, dass die Lehrpersonen um ungefähr 20% weniger verdienen als an öffentlichen Schulen. Auf die Arbeitsmoral hat das jedoch nicht ersichtlich Auswirkungen, eher im Gegenteil; hier finden sich Lehrpersonen ein, die hinter dem Konzept stehen und aus Überzeugung hier arbeiten. Damit will ich als Autor des Artikels aber keinen Lehrpersonen im Regelschulsystem zu nahe treten und ihnen vorwerfen, dass es dort keine engagierten Arbeitshaltung gibt.

Nach oben.

Tipps für Lehramtsstudierende:

  • Macht weiter so!
  • Kindern zuhören
  • Kindern auf einer Ebene begegnen
Unsere Nachbesprechung mit den beiden Direktorinnen der Schule Anikke Knackstedt und Andrea Mischke
Nachbesprechung mit den Direktorinnen der Schule: Anikke Knackstedt und Andrea Mischke

Nach oben.

Benotung:

Die Schüler und Schülerinnen bekommen bis inklusive der 5. Schulstufe eine verbale Rückmeldung. Enthalten ist dabei eine schriftliche Rückmeldung und ein Gespräch. Für das letzte Schuljahr, sprich dem Sechsten, gibt es ab dem Halbjahr Noten, um in weiterführende Schulen gehen zu können. Die gesprächsbegleitende Benotungsform wird aber auch in diesem Jahr beibehalten.

Nach oben.

Wichtige Momente der Schule:

Als die Schule 2009 staatlich anerkannt wurde. Das ermöglicht den Kindern, nach dieser Schule ohne Externistenprüfung in eine weiterführende Schule gehen zu können. Die staatliche Anerkennung brachte damals im Vorhinein einige Ängste und Sorgen mit sich, dass die Vorgaben dadurch ins Schulkonzept eingreifen würden und verlangen würden, das Konzept abzuändern. Diese Ängste bestätigten sich bis jetzt aber nicht und die Schule wurde weitgehend ziemlich in Ruhe gelassen. Ein weiterer wichtiger Moment war die Umstellung der Schule auf eine Ganztagsschule im Jahr 2006. Als prägend beschrieben die beiden Interviewten, als die Schüler und Schülerinnen das Musical „Bibi & Tina,“ als Projekt der gesamten Schule, organisierten und aufführten. Ein weiteres Highlight war die Aufführung des Nachhaltigkeitsmusical, bei dem die Kinder Texte von bereits bekannten Liedern passend umschrieben. 3 Schülerinnen organisierten ziemlich selbstständig ein Fußballturnier mit Mannschaften aus anderen Schulen.

Nach oben.

Ziele der Schule:

Sie wollen den Garten noch mehr ins Schulleben einbinden. Diesbezüglich gibt es schon eine fertig geplante und in Auftrag gegebene Werkzeughütte und Werkstatt. Dadurch will die Schule das Lernen am Leben intensivieren. Geplant ist auch eine engere Elternarbeit, sprich es sind Workshops und pädagogische Vorträge für die Zukunft geplant.

Nach oben.

Persönlicher Kommentar

Elias Kühn
Die Lernatmosphäre, die Beziehung zwischen Lehrpersonen und Kindern und das Gefühl des Willkommensseins war für mich sehr beruhigend. In der Praxis und im Alltag sind so menschlich geführten Schulen eine Rarität. Das positive an der Schule überwiegte weitaus, wie auch aus dem Beitrag zu der Schule hoffentlich offensichtlich zu entnehmen ist.
Im pädagogischen Bereich hatte ich jedoch zum Beispiel kritisch anzumerken, dass die Verantwortung einer Lehrperson im Sitzkreis nicht so weit an die Kinder abgegeben wurde, wie ich es später einmal selbst als Erwartung an mich stellen werde. Das gleiche beobachtete ich bei der Dichterlesung, hier waren die Kinder zwar offiziell dafür verantwortlich, die Leitung zu übernehmen und für Ruhe zu sorgen; hier griffen aber auch immer wieder Lehrpersonen in das Geschehen ein, wodurch das Ernstnehmen der Verantwortungsabgabe in den Augen der Kinder stark abnimmt und sich die verantwortlichen Kinder schwer tun, die Leitung tatsächlich zu übernehmen.

Teresa Vicentini
In dieser Schule habe ich mich von Anfang an sehr wohl gefühlt, die Raumgestaltung ist sehr angenehm und kindgerecht. Hier war es beeindruckend, wie die Kinder auf uns zugekommen sind, sie haben gleich Kontakt aufgenommen, uns Fragen gestellt und uns im Unterricht eingebunden. Die Dichterlesung, welche jeden Freitag stattfindet und wo die Kinder eigene Geschichten, Gedichte, Lieder usw. vorstellen können, habe ich extrem beeindruckend gefunden. Diese motiviert die Kinder zum Arbeiten und zum Stolz sein auf die eigenen Werke!

Victor Wiesner
An der Freinet Schule wurden wir sehr freundlich empfangen, und bekamen von Kindern eine Schulführung. Teilweise war es sehr beeindruckend zu sehen, wie aufgeschlossen und selbstbewusst die Kinder waren und auch wie gut sie sich artikulieren konnten. Generell herrschte eine sehr freundliche, willkommene Stimmung im Haus, wir konnten uns dort quasi wie zuhause fühlen. Auch das Verhältnis zwischen den Kindern und Lehrpersonen ist mir sehr positiv aufgefallen, es wirkte sehr respektvoll und doch freundschaftlich und auf Augenhöhe. Besonders gut gefallen, hat mir die Gestaltung des Wochenplans: Die Kinder bekommen am Anfang der Woche einen leeren Plan und tragen dort ein, was sie gerne in dieser Woche erledigen würden. So können sie ganz auf ihren individuellen Leistungsstand, Bedürfnisse und Interessen eingehen und das Lernen, was sie selbst interessiert. Dafür habe ich den Kreis am Anfang einer Einheit, in dem besprochen wird, was jedes Kind in der folgenden Zeit macht, als chaotisch und unübersichtlich empfunden. Die Schüler waren schon zwar meist am Arbeiten und Lernen, trotzdem herrschte oft ein Durcheinander und Lärm, den ich gar nicht so angenehm fand.

Was mich aber sehr beeindruckt hat, war die Dichterlesung, bei der jedes Kind, das wollte, etwas vor der ganzen Schule vortragen oder vorzeigen durfte. Das ist ein ganz simples Konzept, dass sich auch ohne weiteres in jedem Regelunterricht einbauen lässt und bei den Schüler*innen wahnsinnig gut ankommt. Etwas störend empfand ich dabei nur die Lehrpersonen, die zwar die Kinder alles organisieren ließen, sich trotzdem aber immer wieder eingemischt haben, was ihn meinen Augen oft gar nicht notwendig gewesen wäre. Obwohl es meine erste bewusste Auseinandersetzung mit dem Freinet-Konzept war und ich nicht sehr viel darüber wusste, muss ich sagen, dass mir sehr vieles gut gefallen hat und ich mich durchaus mit vielen Teil dieses Konzepts anfreunden kann.

Wöchentlich stattfindende Dichterlesung im Tobe-Raum. Robert und Elias aus der Spunkcrew spielten spontan ein Lied für die Schule.
Wöchentlich stattfindende Dichterlesung im Tobe-Raum. Robert und Elias aus der Spunkcrew spielten spontan ein Lied für die Schule.

Julia Walter
Wir wurden hier sehr herzlich empfangen, wodurch ich mich von Anfang an recht wohl gefühlt habe. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir die Idee des Ateliertags, der hier immer mittwochs stattfindet. An diesem Tag werden unterschiedlichste Ateliers (z. B. Hundeführerschein, Sport, Musik, Schulradio uvm.) klassenübergreifend angeboten und die Schüler*innen können bis zu drei ausprobieren. Besonders beeindruckt hat mich außerdem die Kreativität der Kinder, die sie im Zuge der Dichterlesung am Freitag schulintern nach außen tragen. Da wurden Sketches vorgeführt, Witze erzählt, Geschichten vorgelesen etc. Zudem wurde diese Veranstaltung von zwei Lernenden geleitet.

Nach oben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: